Der helle Wahnsinn: Unsere Mädchen A gewinnen die Deutsche Meisterschaft!

Was für ein Wochenende in Braunschweig: Nach einem hochklassigen Finale gegen den Wiesbadener THC haben sich unsere Mädchen A die Deutsche Meisterschaft 2017 in der Halle und damit den blauen Wimpel gesichert. Damit hat erstmals seit 2003 wieder ein TuSLi-Team die begehrte Trophäe auf die Leo geholt. Die Mädels haben im Endspiel wie die gesamte Endrunde über eine unglaublich starke Mannschaftsleistung gezeigt und nach einem 0:1-Rückstand verdient mit 2:1 gewonnen. Wiesbaden begann etwas stärker und ging folgerichtig in Führung. Doch noch vor dem Pausenpfiff konnte Michaela „Michi“ Wienert mit einer Strafecke ausgleichen. Und danach nahm TuSLi das Spiel mehr und mehr in die Hand, auch wenn lange kein weiterer Treffer fallen sollte. Den entscheidenden Spielzug starteten die Mädels in der vorletzten Minute. Leonie Renner erkämpfte sich den Ball in der eigenen Hälfte, spielte quer zu Michi, die einen Turbo-Angriff im Doppelpass mit Paula Schmidt einleitete und eine mustergültige Flanke in die Mitte gab. Dort war Hannah Fuhrmann mitgelaufen und zog ab. Da der Ball eine Verteidigerin traf, die damit das Tor verhinderte, entschied der Schiedsrichter folgerichtig auf Siebenmeter. Unfassbar cool war dann Lisa Lorenze, die 44 Sekunden vor Schluss diesen halbhoch links verwandelte. Und das bedeutete den Titel! Anschließend spielten sich unglaubliche Jubelszenen ab und Freudentränen flossen in Strömen. „Ich bin so unfassbar stolz auf meine Mädels“, fasste Trainerin Anja Mülders ihre Emotionen kurz nach der Schlusssirene zusammen.

Doch zurück zum Anfang dieser einfach nur unglaublichen Geschichte. TuSLi hatte sich als Dritter der Nordostdeutschen für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert und ging damit als Außenseiter ins Titelrennen. Doch Co-Trainer Tobias Kardorf hatte nach der Qualifikation zur DM das Motto für die Endrunde geprägt, das auch auf den T-Shirts von Trainern und Betreuern prangte: „Mal biste Baum, mal biste Hund“. Dass damit der Begriff „Underdog“ eine vollkommen neue Bedeutung bekommen sollte, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Auch wenn Tobi vorsichtig ein Ziel andeutete: „Halbfinale wär’ schon geil.“ Und Anja hatte einen wunderbaren Film mit Szenen vergangener Spiele vorbereitet, in dem von einem Tropfen die Rede war, der zur perfekten Welle wird. Und zu was für einer!

Bereits mit dem 2:0 im ersten Spiel am Samstag gegen den Ost- und Nordostdeutschen Meister und Lokalrivalen Berliner HC setzen die Mädels ein erstes Ausrufezeichen. Nach zwei Niederlagen bei den vorangegangenen Endrunden sollte dies die erste und wichtigste Revanche werden. TuSLi begann dominant und setzte den BHC sofort unter Druck. Die Mädels zeigten ein starkes Stellungsspiel und viel Laufbereitschaft. Mit dem aggressiven Pressing kamen die Rot-Blauen überhaupt nicht klar und fanden zu keinem klaren Spielaufbau. Die einzige nennenswerte Torchance, eine Ecke, wurde aber von Torfrau Svea Hansen souverän abgewehrt. TuSLi war zwar überlegen, konnte aber auch keine überragenden Chancen kreieren. Somit war das 0:0 zur Pause okay. Auch in der zweiten Hälfte waren unsere Mädels von Anfang an spielbestimmend und schnürten den BHC mehr und mehr ein. Folgerichtig entstand die Ecke in der 19. Minute aus einer Pressingsituation von Anna Schulz. Da bei Lisas Torschuss eine Verteidigerin den Ball an den Fuß bekam, gab es einen klaren Siebenmeter. Und den versenkte Lisa eiskalt unten links. Nach dem Rückstand wollte der BHC den Ausgleich und stürmte nach vorn. Doch diese Drangperiode dauerte nur wenige Minuten, dann übernahm wieder TuSLi das Zepter. Bei einem der zahlreichen Angriffe in der Schlussphase holte Paula Schmidt in der vorletzten Minute die nächste Ecke. Und die wurde als wunderbare indirekte Variante gespielt. Paula gab auf Sarah Kardorf, die spielte zu Michi und die verwandelte sicher. Mit diesem Sieg, der schon zu ersten Jubelstürmen bei den Spielerinnen und den Fans führte, war eine erste wichtige Etappe Richtung Halbfinale geschafft. Und eine interessante Änderung im Vergleich zu den bisherigen Endrunden wurde deutlich: Anstatt Chancenwucher zu betreiben und letztlich doch die entscheidenden Tore nicht zu schießen, wurden jetzt die Chancen konsequent genutzt.

Das zweite Vorrundenmatch gegen den späteren Finalgegner Wiesbaden ging jedoch knapp 0:1 verloren. Beide Mannschaften waren absolut gleichwertig, das Spiel wogte hin und her mit Chancen auf beiden Seiten. Den Beobachtern war Mitte der zweiten Halbzeit klar: Das Team, das jetzt das Tor macht, geht als Sieger vom Platz. Der entscheidende Treffer gelang den Wiesbadenerinnen in der vorletzten Minute.

Beim abschließenden Gruppenspiel gegen den Club Raffelberg standen die Mädels somit unter Zugzwang, denn nur ein Sieg bedeutete den Einzug in die Runde der besten vier Teams. Als Antwort zeigten sie eine überragende Leistung und ließen beim 4:2 dem NRW-Vizemeister keine Chance. Wunderbar herausgespielte Tore von Hannah und Anna nach Vorlage von Paula und Johanna „Jojo“ Hildebrandt brachten TuSLi auf die Siegerstraße. Technisch herausragend dabei Hannahs zweiter Treffer. Während ihr erster Schuss noch von der Torfrau abgewehrt werden konnte, setzte sie beim Nachschuss mit der Rückhand den Ball in den rechten Winkel. Der Schlusspunkt kam von Luisa „Lulu“ Rümenapp, die einen abgewehrten Ball hart rechts oben einnetzte. Und Lisa zeigte, dass sie nicht nur Siebenmeter verwandeln, sondern auch Tore verhindern kann, als sie bei einer Raffelberger Ecke den Ball von der Linie kratzte. Eine weitere Ecke hielt Svea ganz stark.

Ein unglaublicher Nervenkrimi war dann das Halbfinale gehen den Feldmeister Großflottbek aus Hamburg, gegen den sie noch eine Rechnung von der Nordostdeutschen offen hatten. Das Spiel war das beste der gesamten DM und von einem unwahrscheinlichen Tempo geprägt. Lange sah Flottbek wie der sichere Sieger aus und lag zur Pause verdient mit 2:0 in Führung. Irgendwie hatten sich die Mädels den Schneid abkaufen lassen. Doch dann kam TuSLi zurück und zeigte unbändigen Kampfgeist und hochklassiges Hockey.

Immer häufiger kamen sie in den Flottbeker Schusskreis und erarbeiteten sich Chancen.
Dem 1:2 in der 16. Minute ging ein Sturmlauf von Sarah voraus, den Paula zum Anschlusstreffer veredelte. Die Mädels hielten den Druck aufrecht, so dass Paula bei einem weiteren Angriff zwei Minuten vor Schluss eine Ecke holte. Ihre Hereingabe donnerte dann Michi zum Ausgleich unhaltbar ins Netz. So musste die Entscheidung über den Einzug ins Finale im Penaltyschießen fallen. Und da behielten sie dank der nervenstarken Schützinnen Michi, Sarah und Paula sowie der überragenden Svea, die zwei Schüsse abwehren konnte, mit 8:7 die Oberhand.

Während Michi die schnelle Variante bevorzugte und der Flottbeker Torhüterin zweimal mit harten Schüssen keine Chance ließ, Paula einmal nicht (war eigentlich ein Siebenmeter) und einmal in Michi-Manier traf, machte es Sarah besonders spannend. Dreimal musste sie antreten, spielte jedes Mal ihr Gegenüber aus und netzte dann ein. Besonders brillant war ihr letzter Penalty, als sie die Torfrau erst austanzte und dann mit einem Rückhand-Heber überwand. Dann der entscheidenden Penalty: Svea lief Flottbeks beste Spielerin Jette Fleschütz direkt an, konnte ihr mit dem Fuß den Ball vom Schläger stibitzen und mit ihrer eigenen Keule aus der Gefahrenzone bugsieren. Dann waren die acht Sekunden um und Svea lag Bruchteile später unter einer Jubeltraube begraben. Mit der Leistung der Mädels steigerte sich auch ihr Jubel. Und gab noch einmal Schub für das Finale.

Diese unglaubliche Mentalität hat das Team das gesamte Wochenende über ausgezeichnet. Es hat wirklich die Mannschaft gewonnen, die auch als solche agiert hat. Das Motto für das Turnierheft: „Einer für alle, alle für einen!“ wurde gelebt. Die Mädels sind hinter jedem Ball hinterher, haben überragend gepresst, stark verteidigt, sich füreinander eingesetzt, wunderschöne Tore geschossen und ihre Leistung auf den Punkt abgerufen. Das sah auch der U18-Bundestrainer Markku Slawyk in seinem Bericht so: „Ich habe TuSLi schon bei der Nord-Ost-Qualifikation vor zwei Wochen gesehen. Ihr Qualitätssprung jetzt bei der Deutschen war enorm. Das war eine sehr stabile Mannschaft, in der Breite genauso wie in der Spitze. Und sie hat eben bei der DM ihr stärkstes Hockey gezeigt. Das ist nicht allen gelungen.“

Wo soll man bei solch einem Team, wo alle ihre besten Saisonleistung gezeigt haben, mit dem Loben anfangen? Michi wurde verdient vom Bundestrainer in das All-Star-Team des Turniers berufen. Hinten souverän, von dort immer wieder Sturmläufe startend, dabei nicht selten drei, vier Gegnerinnen ausspielend, Ecken verwandelnd und technisch überragend: Als Krönung ihrer Leistung steht sie jetzt sogar im Kader der U16-Nationalmannschaft. In die „erweiterte Liste“ der auffälligsten DM-Spielerinnen nahm der Bundestrainer unter anderem auch Sarah und Hannah auf. Sarah war nicht nur eine unfassbar coole Verteidigerin (legendär, wie sie stehend den Angreiferinnen unzählige Male den Ball vom Schläger saugte), sondern trieb immer wieder Angriffe nach vorne und zeigte dabei Kabinettstückchen. Hannah wuselte ständig im gegnerischen Schusskreis, sorgte dort für direkte Torgefahr oder band Verteidigerinnen, war aber auch im Pressing und der Rückwärtsbewegung stark. Paula sorgte ebenfalls nicht nur für ständige Unruhe vor dem Tor, sondern holte mehrere Ecken und gab diese meist selbst stark rein. Leonie wurde dem von zwei Freundinnen gemalten Schild „Renn Renni“ mit ihrer Laufleistung mehr als gerecht, zeigte überlegtes Stellungsspiel und fing so viele Angriffe ab. Das gilt auch für Lulu, die „Bretter runter“ geradezu verkörperte und so viele gegnerische Pässe unterbinden konnte.

Und wie so oft in einer Endrunde krönte sie ihre Leistung mit einem Tor. Starke Präsenz auf dem Platz zeigte Anna nicht nur wegen ihrer Größe, sondern wegen ihres überlegten Angriffs- und starken Pressingspiels. Daraus resultierten viele Fehler der gegnerischen Verteidigerinnen, die wiederum zu Chancen für TuSLi führten. Und Lisa ist nicht nur die ungekrönte Siebenmeter-Königin, sondern zeigte sich als schwer zu überwindende Verteidigerin, die aber auch immer wieder Impulse für das Aufbauspiel setzen konnte. Svea wiederum erwies sich nicht nur im Penaltyschießen als starke Keepern, sondern war mit vielen Paraden ein unglaublicher Rückhalt für ihr Team.

Drei weitere tolle Beispiele für wahren Mannschaftsgeist: Marie Rümenapp hatte zwar nur einen Kurzeinsatz gegen Raffelberg, war dennoch so unverzichtbar wie Lucia Nill. Die haderte nicht mit dem Schicksal der Ersatztorhüterin, sondern unterstütze ihre Teamkolleginnen wie Marie nach Kräften, sei es beim Einspielen, Einschwören oder Jubeln. Und Jojo wuchs im Turnierverlauf nicht nur über sich hinaus, lief viel und entwickelte geradezu Terrierqualitäten, so aggressiv, aber immer fair lief sie ihre Gegenspielerinnen an und eroberte dabei zahlreiche Bälle. Sie passte außerdem im Spiel gegen Raffelberg zu Anna, obwohl sie selbst einen Torschuss hätte versuchen können. Aber ihre Sturmkollegin stand halt besser und verwandelte dann. Das hatte man in vielen Situationen bei anderen Mannschaften so nicht gesehen, die entsprechend dann aus dem Angriff kein Tor machen konnten.

Darth Vader würde über die das ganze Wochenende komplett in Schwarz spielenden Mädels sagen: Don’t underestimate the dark (in diesem Fall black) side of the hockey force!

Solche und die folgenden Geschichten schreibt einfach nur der Sport, weil sie für ein Hollywood-Drehbuch fast schon zu unrealistisch wären: Der Außenseiter fährt zum allerersten Mal zur Deutschen Meisterschaft, nimmt Revanche für alle Niederlagen der Saison und holt sich den Titel – den ersten großen überhaupt. Das erste und das letze Tor des Turniers waren je ein Siebenmeter derselben Spielerin, von TuSLis Lisa. Und der erste verwandelte war auch der erste Siebenmeter, der nach drei Fehlschüssen bei der Ostdeutschen und Nordostdeutschen Meisterschaft gegen den BHC saß. Außerdem holten die Mädels den blauen Wimpel auf den Tag genau 33 Jahre nach dem ersten Titelgewinn für TuSLi überhaupt. Und Anja, die als Jugendspielerin viermal Vizemeisterin war, konnte sich den Traum vom Titel jetzt als Trainerin verwirklichen.

Ein besonderer Dank geht an das Trainertrio Anja, Tobi und Tim Starke sowie Physiotherapeut Viktor Heinz. Einfach nur toll, wie sie das Team für dieses entscheidende Wochenende vorbereitet und dann gecoacht haben. Dazu Markku Slawyk: „Die haben ihre Mannschaft immer sehr gut eingestellt. Jeder Gegner schien optimal ausgeguckt.“ Und die magischen Hände von Viktor haben alle verspannten Muskeln und sonstigen Beschwerden weggezaubert. Nicht zu vergessen: die mitgereisten Eltern, Großeltern, Geschwister, Verwandten, Freunde und TuSLi-Fans. Sie haben die Halle in Braunschweig in einen wahren Hexenkessel verwandelt und diese Deutsche Meisterschaft zu einem echten Heimspiel gemacht. Ohrenbetäubende „Let’s go TuSLi, let’s go“-Gesänge und mehrere Trommeln trieben das Team immer wieder an. Zeichen des unermüdlichen Einsatzes: Anne Chladek musste sich von Viktor eine Blase behandeln lassen, die sie sich durch ihr ununterbrochenes Trommeln zugezogen hatte. Und diverse Stimmen standen nach Turnierschluss auf der Vermisstenliste. All das zeichnet TusLi aus: Der gesamte Verein, die gesamte TuSLi-Familie steht zusammen! Das hat man dann auch bei der Meisterschaftsfeier gesehen. Unzählige Mitglieder haben das Team beim Empfang bis spät in den Abend gefeiert. Und während des Turniers am Live-Ticker und am Live-Stream mitgefiebert.

„Ihr habt Unglaubliches geschafft“, fasste der 1. Vorsitzende Ronald Schwebs die Leistung der Mädels bei seiner Ansprache in einem Satz zusammen.

Feine Gesten auch am Ende der DM: Viele Eltern von Wiesbaden beglückwünschten TuSLi-Eltern und Spielerinnen zur Meisterschaft. Und die gaben die Glückwünsche zurück, schließlich haben die Mädchen aus der hessischen Landeshauptstadt ebenfalls hervorragendes Hockey gezeigt. Und der Club Raffelberg schrieb in seinem Bericht von der DM: „TuS Lichterfelde war die bessere Mannschaft und zog somit verdient in die Runde der letzten 4 ein. (…) Von hier aus nochmals Glückwunsch an den neuen Deutschen Meister Halle 2017 Mädchen A.“

Das ist ganz großer Hockey-Sport.

Andreas Fuhrmann

Die Live-Ticker und der Bericht des Bundestrainers zum Nachlesen unter
http://www.hockey.de/VVI-web/default.asp?lokal=DHB&menue=/VVI-web/menue-JDM-halle.asp&innen=/VVI-web/JDM/Halle/Start.asp&Jahr=2016

Und die ultimative Playlist zur DM: Torsong: The Black Eyed Peas – Pump it (zehnmal während der DM zu hören!); Queen – We Are The Champions; Right said Fred: Stand Up (For The Champions); Die Toten Hosen – Tage wie diese; Andreas Bourani – Auf uns; Welshly Arms – Legendary; Daft Punk – One More Time; The Doggies – Who Let The Dogs out; Der TusLi-Fanblock – Auf geht’s, TuSLi, kämpfen und siegen; Let’s go, TuSLi, let’s go!

 

 

 

Das Meisterteam bei der Vorstellung und kurz vor dem Abspielen der Nationalhymne (von links): Hannah Fuhrmann, Svea Hansen, Johanna Hildebrandt, Sarah Kardorf, Lisa Lorenze, Leonie Renner, Luisa Rümenapp, Marie Rümenapp, Paula Schmidt, Anna-Lena Schulz, Michaela Wienert und Lucia Nill.